Hans Peter Leymann-Kurtz – ein doppelter Doppelname?! „Da hat man genug Gelegenheit, sich zu verschreiben“, lacht der Oberbürgermeisterkandidat der Linkspartei und drückt mir einen Flyer in die Hand, zum Nachschlagen seines Namens. Der 45-Jährige macht Wahlkampf in Essen Rüttenscheid, am Stand seiner Linkspartei. Diese Partei darf er noch gar nicht so lange seine eigene nennen: Mit Beginn des Kosovoeinsatzes der Nato verließ er die Grünen und findet sich nun an prominenter linker Stelle wieder.
Allerdings stellt sich immer die Frage, ob man den linken Kandidaten für den obersten politischen Job in einer Stadt wie Essen überhaupt ernst nehmen kann. Selbst in der eigenen Partei wurde vor der Nominierung des vergleichsweise jungen Politikers Kritik laut: Da die Aussichten auf Erfolg unrealistisch erschienen, zweifelten einige Parteimitglieder an der Notwendigkeit der Aufstellung. Doch schließlich setzte sich die Meinung durch, dass Hans Peter Leymann-Kurtz der Partei und ihren Anliegen in Essen ein Gesicht geben soll.
Direkt vor dem Wahlplakat, auf dem eben jenes Gesicht prangt, teilt er nun Flyer aus und spricht Passanten an. Auf dem Foto ist sein Scheitel zu streng rechts und sein Lächeln zu spöttisch, doch wer angesichts des misslungenen Posters die Glaubwürdigkeit und Authentizität des linken Politikers hinterfragt, kommt nach einem persönlichen Gespräch ins Schwanken.
Der Diplom-Sozialmitarbeiter ist nämlich ein sehr angenehmer politischer Gesprächspartner, ein sicherer Rhetoriker. Er redet ruhig und klar, nutzt beide Arme für unauffällige wie unmissverständliche Gesten und geht auf die Bürger ein.
Egal, auf welches Thema man ihn anspricht, der Dialog gestaltet sich stets nach dem selben Schema: Bei der Frage sucht Leymann-Kurtz mit ein wenig zusammengekniffenen Augen den Kontakt zum Gegenüber, nickt ermutigend und verstehend und antwortet schließlich – und das ausführlich.

Zur Beantwortung der Frage nach Essens Perspektive (Metropole oder schrumpfende Stadt?) diktiert er gut vier Seiten kluge Sätze in den rasch gezückten Notizblock – und schneidet dabei gleich mehrere Themenfelder an: Der Strukturwandel sowie die demografische Veränderung der Gesellschaft folgen auf seine Erläuterung der polyzentrischen Struktur des Ruhrgebiets.
Ohne dass ich die Arbeitsmarktlage thematisieren muss, kommt er auch darauf zu sprechen: Die Herausforderung solle man als Chance erkennen und auf Jobs in der Seniorenfreizeitbranche und den Pflegeeinrichtungen setzen. Und kaum hat er einem auf diese Weise die schrittweise Lösung des Arbeitslosenproblems angedeutet, ist der linke Politiker bei einem weiteren Dauerbrenner angekommen: Die Bürger mit Migrationshintergrund seien zu integrieren, mit Augenmerk auf Erziehung und (Aus-)Bildung.
Das klingt alles gut – gerade weil sich der Kandidat nicht vom Schulterklopfen alter Freunde oder dem plötzlichen Regenschauer über Essen aus dem Konzept bringen lässt. Er kümmert sich um die Bürger und ihre Anliegen, das will er demonstrieren und macht immerhin eine gute Figur dabei.
Atempause, Zeit für die nächste Frage: Wirtschaftskrise, Finanzierung seiner (zu schönen!) Ansätze zur gleichmäßigen Geldverteilung im Volk. Auch hier gibt der smarte Politiker kluge Antworten: Verurteilt die zockenden Verursacher der Krise, fordert stärkere Kontrolle und umgreifende Regulierung. All dies ist mittlerweile salonfähig geworden in der politischen Landschaft, warum sollte der Linke nicht auch noch in die gleiche Kerbe hauen wie alle anderen? Höchstens eckt er mit seiner Kritik an Schröder und Clement an, dessen neoliberale Politik er als Wegbereiter in die Krise bezeichnet. Und noch einmal die Frage nach der Finanzierung: „Das ist immer ein vergiftetes Argument“ kriegt man da zu hören und es geht wieder los: Ungerechte Geld- und Steuerverteilung und emotionale Beispiele wie der Unterschied zwischen Rüstungskosten, Finanzspritze – und Schulbüchern für unsere lieben Kinder.
Wenn das so weiter geht, schmeiße ich das Handtuch: Er ist zu freundlich, zu vernünftig, als dass man ihn in Widersprüche verwickeln könnte. Letzte Frage: Leuchtturmprojekte. Dieses Wort bezeichnet die finanzielle Unterstützung prestigerelevanter Bauprojekte in Essen: Philarmonie, Zeche Zollverein, alles zu teuer im Vergleich mit den Armen, die diese Millionen weitaus besser gebrauchen könnten. Die Absurdität von Leuchtturmprojekten wird im Wahlprogramm mantramäßig wiederholt, doch hier liegt ein Stolperstein: Wird weniger auf den Ausbau von Prestigeobjekten und mehr auf Bürgerreichtum gesetzt, hat man womöglich am Ende etwas zufriedenere Einwohner – aber kein Ansehen in der Umgebung mehr. Essen muss herausstechen, sonst geht es unter, oder?
Aber wieder zieht sich der linke Kandidat sympathisch aus der Affäre: Er entschuldigt sich für den „knackigen, leicht polemischen“ Begriff und erläutert seine Vorstellungen von Pflicht und Kür in der Stadtgestaltung: Um die Pflicht zu erfüllen, muss man die Stadt zusammen halten, das Gemeinwesen stärken, die Kluft zwischen arm und reich, alt und jung bekämpfen, denn eine Spaltung der Stadt ist ja demokratiegefährdend. Dann kann die Kür kommen, und kulturelle Pilgerstätten dürfen so weit ausgebaut und attraktiver gemacht werden wie möglich. Natürlich droht auch hier wieder der Vergleich: „Die Relation muss stimmen zwischen den Kosten der Philarmonie und dem Geld, was wir jährlich für unsere Schulbücher ausgeben.“
Das kommt mir bekannt vor, das Gespräch wird hierauf beendet und fast ist man ein bisschen traurig, sich nicht weiter mit dem professionellen Meinungsbilder zu unterhalten. Am Sonntag werden rund 10 000 Wähler, 4,7% der Essener Bürger für den Oberbürgermeisterkandidaten Hans Peter Leymann-Kurtz stimmen. Ganz nach oben schafft er es so nicht, doch das Charisma für mehr hat der Mann mit dem doppelten Doppelnamen. Auch wenn seine Argumente manchmal wie gedoppelt erscheinen – es steckt meist nicht nur ein Fünkchen Wahrheit in seinen Aussagen.
Christoph Henrichs




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